Chance und Risiko zugleich

Dieses Thema im Forum "Der Verein" wurde erstellt von Herr Bert, 10. Dezember 2020.

  1. Herr Bert

    Herr Bert Administrator

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    Vor wenigen Tagen wurde innerhalb der DFL-Versammlung der Präsidiumsbeschluss zur Verteilung der Medienerlöse für die Spielzeiten 2020/21 bis 2024/25 vorgestellt und diskutiert. Am Ende wurde ein Modell verabschiedet, das auf vier Säulen beruht, die Bereiche „Gleichverteilung“, „Leistung“, „Nachwuchs“ und „Interesse“ betreffend. Wir haben uns mit Ilja Kaenzig, Sprecher der VfL-Geschäftsführung, unterhalten und ihn um seine Einschätzung zu dieser komplexen Thematik befragt.

    Das Modell lässt sich im Wesentlichen in zwei Abschnitte unterteilen: In den ersten beiden Jahren der kommenden Rechteperiode wird dem Faktor Stabilität große Bedeutung beigemessen, was den Clubs eine gewisse Planungssicherheit bietet. Im Schnitt werden im genannten Zeitraum von vier Jahren die Erlöse aus der Vergabe der Medienrechte im deutschsprachigen Markt rund 1,1 Milliarden Euro pro Saison betragen. Stichwort „Gleichverteilung“: Um auch den wirtschaftlichen Effekten der Corona-Pandemie Rechnung zu tragen, werden in den ersten beiden Jahren im Durchschnitt 580 Millionen Euro unter den 36 Clubs gleich verteilt. Dieser Anteil macht 53 Prozent pro Saison an den Gesamteinnahmen aus der Verwertung der genannten Medienrechte aus; in den letzten beiden Jahren der Rechteperiode sinkt der Anteil auf 50 Prozent.

    Umgekehrt ist es bei der Säule „Leistung“, die auch schon im aktuellen Medienrechtevertrag eine gewichtige Rolle spielt, und die zukünftig zunächst für zwei Jahre 42 Prozent des Gesamtvolumens abbildet, in den letzten beiden Jahre dann 43 Prozent. Dabei werden Bundesliga und 2. Bundesliga anhand der vergangenen fünf Saisons gewertet und gewichtet (Bsp. Verteilung der 42 Prozent: 24,5 % nach getrennter Fünf-Jahres-Tabelle, 17 % nach durchgängiger Fünf-Jahres-Tabelle, 0,5 % nach durchgängiger Zehn-Jahres-Tabelle), wobei der zuletzt gespielten Saison die höchste Gewichtung zuteilwird (im Verhältnis 5:4:3:2:1). Für den VfL ergibt sich hier die Crux, dass die bisherige durchgängige Zwanzig-Jahres-Tabelle auf zehn Jahre gekappt wurde. Die Erlöse dieser Säule werden in etwa im Verhältnis von 81:19 zwischen Bundesliga und 2. Bundesliga aufgeteilt.

    Zwei weitere Säulen sind „Nachwuchs“ und „Interesse“. Auch bei diesen Säulen wurde eine Zwei-Stufen-Dynamik „eingebaut“, in den letzten beiden Spielzeiten entfallen mehr Prozente auf diese Säulen als in den ersten beiden Jahren. Die Säule „Nachwuchs“ wurde modifiziert, sodass die Nachwuchsförderung stärker in den Fokus gerückt und „belohnt“ wird. Nicht (wie bisher) allein durch Berücksichtigung der Einsatzzeiten von U23-Talenten, sondern auch durch deren Ausbildung. Während in der aktuellen Fassung die Talentausbildung im Schnitt 23 Millionen Euro pro Saison erbracht hat, wären es in der zweiten Stufe zukünftig in etwa 47,5 Millionen Euro. Neu ist die Säule „Interesse“, wo die Relevanz der einzelnen Clubs auf Basis von Daten der Marktforschung ermittelt werden soll. Anfänglich zwei, in den letzten beiden Jahren dann drei Prozent der gesamten Medienerlöse aus dem deutschsprachigen Raum fallen hier an.

    Viel Input, der erst einmal verarbeitet werden muss. Wir haben uns deshalb mit Ilja Kaenzig, dem Sprecher der VfL-Geschäftsführung unterhalten, um sowohl einmal die Gesamtlage zu erfassen als auch die möglichen Auswirkungen für den VfL zu beleuchten.

    Ilja Kaenzig, es gab vor der DFL-Versammlung viel Kontroverses zu lesen und zu hören. Wie ist das Ergebnis der Sitzung aus Ihrer Sicht zu bewerten?
    Kaenzig: Es ist mehr Evolution als Revolution. Grundsätzlich muss man sagen, dass die Solidarität unter den DFL-Clubs weiter besteht, dass es sich in der Tat um eine G36 handelt, nicht um eine G10 oder G15. Die zukünftige Verteilung der Medienerlöse gibt eine gewisse Planungssicherheit und damit Stabilität, was gerade in Krisenzeiten sehr wichtig ist.

    Wobei die Diskussionen im Nachgang nicht aufgehört haben, es gibt immer noch unterschiedliche Positionen und Ansätze.
    Kaenzig: Bis auf die Meisterschaft herrscht in allen Bereichen der Bundesliga und 2. Bundesliga ein spannender Wettbewerb. Die Plätze für die Champions sowie die Europa League sind hart umkämpft. Auch der Abstiegskampf ist bis zum Ende spannend, ganz zu schweigen vom Aufstiegskampf in der 2. Bundesliga. Auch die Absteiger aus der Zweiten Liga entscheiden sich erst zum Ende der Saison. Ich bezweifele, dass der Kampf um die Meisterschaft spannender wird, wenn man die TV-Gelder anders verteilt. Die Ungleichheit kommt weniger durch die nationalen Medienerlöse, sondern durch die Ausschüttung von Prämien der UEFA an international qualifizierte Vereine sowie multinationale Sponsoren bei einigen Clubs. Die Kernfrage ist doch: Wo will die DFL perspektivisch hin? Der Verteilerschlüssel zum TV-Vertrag ist das Spiegelbild der Strategie der Bundesliga und 2. Bundesliga.

    Wo könnte man also Hebel ansetzen?
    Kaenzig: Was wir gesehen haben: Es braucht einen längeren Vorlauf für eine „gerechtere“ Umverteilung von Medienerlösen als drei Monate. Insofern gilt es, die Zeit bis 2025 zu nutzen und sich bereits jetzt Gedanken über die Positionierung der Ligen zu machen. Hierzu mitentscheidend beitragen soll ja auch die DFL-Taskforce „Zukunft“.

    Was hat sich bei der zukünftigen Erlösstruktur aus Ihrer Sicht grundlegend geändert?
    Kaenzig: Das TV-Ranking bleibt entscheidend, wer vorne steht, bekommt mehr Geld. Auch die Säule „Interesse“ fußt auf dem Leistungsprinzip: Selbst die Marktforschung wird zu dem Ergebnis kommen, dass das Interesse der Fußballfans in erster Linie auf Leistung beruht. Ist der Club erfolgreich, wird ihm höhere Aufmerksamkeit zuteil. Allerdings nimmt die Bedeutung der Nachwuchsausbildung und -förderung mit dem neuen Schlüssel zu. Das könnte ein Hinweis auf die gewünschte Ausrichtung der Zweiten Liga sein. Zudem: Aufsteiger in die Bundesliga erhalten zukünftig mehr Geld. Das erleichtert die Etablierung in der höchsten Klasse. Andererseits führt es aber auch zu einem größeren Gefälle zwischen den Ligen.

    Was bedeutet das konkret für den VfL?
    Kaenzig: Die beiden Säulen „Nachwuchs“ und „Interesse“ sind für uns Chance und Risiko zugleich. Das Interesse am VfL würde mit Sicherheit zunehmen, wenn wir sportlich weiter konstant bleiben. Trotz unserer guten Ausbildung im Talentwerk wären es eher die Erstligisten, die von der Neuregelung und Honorierung der „Ausbildung“ profitieren, weil die meisten zukünftigen U23-Spieler in den NLZ der Großclubs ausgebildet wurden bzw. werden. Zudem sind wir vom Wegfall der bisherigen Säule „Nachhaltigkeit“ betroffen, weil dort zehn Jahre enthalten waren, die wir teilweise in der Bundesliga verbracht haben. In einer ersten Simulation haben wir zwar aus den genannten Gründen schlechter abgeschnitten als nach altem Verteilerschlüssel, sind aber immer noch im Plan.
  2. Herr Bert

    Herr Bert Administrator

    Da es in diversen Medien Irritationen und Falschinformationen bei der "Säule-Nachwuchs" bezüglich der U 23 gab, habe ich mir mal erlaubt eine kompetente Information zum Thema U23 einzuholen:

    Es scheint tatsächlich ein Missverständnis vorzuliegen. Eine U23-Mannschaft spielt überhaupt keine Rolle bei der TV-Verteilung. Vielmehr gibt es Geld für Spielminuten von Spielern unter 23 Jahren und neu auch für jene Clubs, bei denen solche Spieler ab dem 12. Lebensjahr an ausgebildet worden sind.

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