"Schritt mehr in Richtung Normalität"

Dieses Thema im Forum "Der Verein" wurde erstellt von Herr Bert, 23. April 2020.

  1. Herr Bert

    Herr Bert Administrator

    Seit über einem Monat ruht der Spielbetrieb, doch bald könnte die Liga wieder Fahrt aufnehmen. Wir haben uns mit dem Präsidiums- und Vorstandsvorsitzenden des VfL, Hans-Peter Villis, unterhalten und seine Meinung zu den Themen Corona-Dynamik, Insolvenz, Bochumer Gemeinschaft und Abstiegskampf gehört. Der Wiederaufnahme des Ligabetriebs blickt er optimistisch entgegen.

    Herr Villis, wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt – nicht nur rund um den VfL, sondern auch im persönlichen Umfeld?
    Ich bin wie die meisten von uns von der Rasanz der Entwicklung überrascht gewesen. Bei mir und innerhalb meines familiären Umfelds gab und gibt es glücklicherweise keine Krankheitsverläufe, die auf eine Corona-Infektion hindeuten. Der VfL ist von der Entwicklung ja ebenfalls sehr schnell und sehr intensiv erfasst worden, beginnend mit einer Woche, in der zunächst von einem regulären Heimspiel gegen Heidenheim ausgegangen wurde, daraus dann ein Spiel ohne Zuschauer wurde, das dann quasi im letzten Moment ganz abgesagt wurde. Schon in der Phase setzten bei uns die Überlegungen ein, was für Konsequenzen daraus erwachsen könnten. In der Folgewoche wurde der Geschäftsstellenbetrieb heruntergefahren, das Training durfte nur noch im Home Office betrieben werden. So kam es Schritt für Schritt zu dem Zustand, der über Wochen anhielt. Es kommt einem länger vor als die etwas mehr als fünf Wochen, die das nun her ist.

    In der Zeit gab es viele Gespräche, Verhandlungen und Entwürfe unterschiedlichster Szenarien. Und plötzlich stand das Wort von der „Insolvenz“ im Raum.
    Kein schöner Begriff, das ist Fakt. Aber die Darstellung wurde vielerorts verkürzt. Wir haben alles unternommen und werden weiterhin alles unternehmen, um ein solches Szenario nicht eintreten zu lassen. Wir haben sehr viele und sehr gute Gespräche mit den wichtigsten Partnern geführt, mit der Stadt, Kreditgebern und Sponsoren. Wir haben Kurzarbeit beantragt, speziell für diejenigen Mitarbeiter, die derzeit aufgrund von Verordnungen gar nicht mehr arbeiten können, beispielsweise aus dem Talentwerk, wo Spiel- und Trainingsbetrieb bis auf weiteres ruhen müssen. Die Mannschaft hat von sich aus ein Signal gesendet und einen Gehaltsverzicht zugunsten der VfL-Belegschaft angeboten, dem haben sich Geschäftsführung und Direktion angeschlossen. Und wir haben aufmerksam die Entwicklungen seitens der DFL und auf der politischen Ebene verfolgt. All diese Maßnahmen haben schließlich dazu geführt, dass das oben angesprochene schlimmste und sofortige aller Worst-Case-Szenarien schon sehr schnell abgewendet werden konnte.

    Der Spielbetrieb hat lange geruht. Nun kommt buchstäblich Bewegung in die Sache. Was würde die Wiederaufnahme des Spielbetriebs bedeuten?
    Ich habe schon an anderer Stelle betont, dass es in der augenblicklichen Situation mehr Optimismus braucht. Die Spiele in der Bundesliga und 2. Bundesliga können ihren Teil dazu beitragen. Sie wären ein Schritt mehr in Richtung Normalität. Wenn der Ball wieder rollt, wäre dies eine absolut positive Nachricht, die Mut macht. Christian Seifert und das DFL-Präsidium haben in den vergangenen Wochen sehr viel Zeit investiert, um unterschiedliche Szenarien durchzuspielen und sich für jedes Szenario den Rat von Experten einzuholen. Sie sind ruhig, stets sachlich und sehr lösungsorientiert an dieses komplexe Thema herangegangen und haben es geschafft, die sportlichen Konkurrenten zu einer Interessengemeinschaft zu vereinen. Zudem hat man immer dafür plädiert, dass dem Fußball im gesamtpolitischen Kontext keine Sonderrolle zufallen darf, gerade in medizinischer Hinsicht. Diese Herangehensweise verdient Lob, die Tonlage, mit der vonseiten der DFL argumentiert wurde, fand Gehör. Nicht nur in der Politik, auch in der Gesellschaft. Unabhängig von den zukünftigen Entscheidungen ist der Politik dafür zu danken, dass sie dem Profifußball bei der Umsetzung der kommenden Spieltage vertraut.

    Ist der VfL damit gerettet?

    Wie gerade erwähnt: Der VfL stand auch vor dieser Entscheidung auf sicheren Füßen, da die kurzfristig eingeleiteten Maßnahmen greifen. Wir haben großartige Unterstützung durch die BOCHUMER GEMEINSCHAFT erfahren, zu denen natürlich in allererster Linie auch unsere Fans zählen. Die Bereitschaft unserer Anhänger war schon in der von mir skizzierten ersten Woche spürbar, als aus ihrem Kreis der Anstoß zum Verkauf von „Geisterspieltickets“ erfolgte. Oder die Geschichte von Herrn Flader, eines langjährigen VfL-Mitglieds, der uns nicht nur darüber informierte, auf die Rückerstattung seiner Dauerkarte zu verzichten, sondern auch bereit ist, dem VfL 1.000 EURO zu spenden. Für alle diese Vorstöße ein richtig großes Dankeschön! Auf die VfL-Fans ist Verlass, der Zusammenhalt enorm. Wir haben diese Initiative aufgegriffen und verfolgen unter dem Sammelbegriff der BOCHUMER GEMEINSCHAFT nun unterschiedliche Konzepte. Das Akustikheimspiel ist eines davon, die Versteigerung und der Verkauf unseres schwarzen Sondertrikots ein anderes. Weitere werden folgen, auch da hoffen wir auf die Unterstützung unseres Anhangs. Die Gespräche mit unseren Partnern zeigen ebenfalls große Solidarität. Und wenn die Liga ihren Spielbetrieb wieder aufnimmt, gibt uns das TV-Geld weitere Planungssicherheit. Gerettet sind wir aber nicht, allein in sportlicher Hinsicht steht uns da noch – wie vor der Corona-Krise immer betont – ein harter Kampf bevor. Vom Klassenerhalt sind wir nach wie vor überzeugt. Aber schon jetzt gilt es, die Zukunft zu gestalten. Denn es ist klar, dass sich die Marktlage verändern wird.

    Nun gibt es ja viele Dinge, die bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu berücksichtigen sind. Angefangen vom Training über logistische Maßnahmen bis hin zum Spieltag ohne Zuschauer. Wie will der VfL das umsetzen?

    Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen: Zunächst gilt es noch einmal der Politik für den Vertrauensvorschuss zu danken. Wir werden alles daran setzen, diesbezüglich nicht zu enttäuschen. Es muss alles dafür getan werden, damit die Spiele einwandfrei organisiert sind. Das erfordert neben dem logistischen Aufwand auch ein hohes Maß an Disziplin derjenigen, die daran unmittelbar beteiligt sind, allen voran die Protagonisten aus dem Profikader. Die Planungen für ein Spiel ohne Zuschauer liegen schon seit Mitte März in der Schublade. Wir mussten uns ja schon einmal mit einem solchen Szenario befassen. Ich bin mir sicher: Wir sind bereit.

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