...Cheftrainer Thomas Reis

Dieses Thema im Forum "unserVfL.de im Gespräch mit..." wurde erstellt von Herr Bert, 27. Oktober 2020.

  1. Herr Bert

    Herr Bert Administrator

    Unser zweites Corona Interview, diesmal mit Cheftrainer Thomas Reis, freundlich unterstützt von Jens Fricke.

    Vielen Dank an Thomas Reis und Jens Fricke.

    War es für Sie schon als Spieler klar, dass Sie später auch in den Trainerjob wechseln wollten?
    Thomas Reis:
    Nein, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, denn ich habe schon früh realisiert, dass der Trainer im Grunde genommen das schwächste Glied in der Kette ist. Als Spieler stehst du auf dem Platz und triffst Entscheidungen. Und die können für Trainer fatale Konsequenzen haben. Zumal bei mir noch dazu kam, dass ich nicht der einfachste Spieler war. Als Trainer kannst du es nicht allen recht machen, nicht innerhalb einer Mannschaft, weil nur elf spielen können, und auch nicht im Umfeld, weil es noch keinen Trainer gab, der alle Spiele gewinnen konnte. Aber man wird älter und irgendwann reifte bei mir die Erkenntnis: Das, was ich erlebt habe und erleben durfte, möchte ich jüngeren Spielern vermitteln. Bei mir ging es als Profi bis in die Sportinvalidität, dennoch habe ich mich oft durchgebissen und immer wieder zurückgekämpft. Aber ich habe auch erkannt, wie schnell es vorbei sein kann. Deshalb das Umdenken. Allerdings habe ich damals noch nicht damit gerechnet, dass ich als Trainer ins Profigeschäft zurückkehren würde.

    Gibt es einen Punkt in Ihrer Karriere, an dem Sie sich heute anders entscheiden würden als Sie es damals getan haben? Wenn ja, verraten Sie uns diesen Punkt?
    Thomas Reis:
    Mein Wechsel vom VfL zum FC Augsburg – den würde ich mit der Erfahrung von heute so nicht mehr machen. Das war 2003. Der Wechsel wurde mir vom damaligen Manager/Trainer-Duo nahegelegt. Ich war ein Spieler, der immer spielen wollte. Mir wurde damals gesagt, dass es schwer werden würde. Ich hätte die Entscheidung treffen sollen, in Bochum zu bleiben und mich durchzusetzen – so, wie ich es zuvor immer geschafft habe. Ich hatte beim VfL noch einen Vertrag mit einer Restlaufzeit von einem Jahr, wollte also in Augsburg einen Drei-Jahres-Vertrag, um Sicherheit zu haben. Augsburg war in der Regionalliga, damals die dritthöchste Spielklasse. Der Verein war ambitioniert und bereit für den Aufstieg. Wir hatten fast eine Bundesligatruppe zusammen, was ein Anreiz für mich war. Es hat sich aber dann anders herausgestellt, als ich es mir erhofft habe. Ich habe mit meiner Meinung wieder nicht hinterm Berg gehalten und bekam mit dem Trainer große Probleme. Er fand gut, dass ich meine Meinung kundtat – und steckte mich in die Zweite Mannschaft. Also bin ich schon nach einer Saison wieder weg. Die anschließenden Stationen passten dann leider auch nicht mehr so. Mit Eintracht Trier sind wir aufgrund eines Tores aus der Zweiten Liga abgestiegen, und bei Waldhof Mannheim fing dann meine Leidensgeschichte an: Knieverletzung, insgesamt die dritte OP am Knie, das Ende der Profilaufbahn. Aber ich sehe immer das Positive, selbst in so negativen Dingen. Schließlich waren diese Punkte wertvolle Erfahrungen für mich, die ich auf meinem weiteren Berufsweg gut anwenden konnte.

    Was waren Ihre bisheriger tollster Moment: Als Spieler, als Trainer und privat?
    Thomas Reis:
    Da müssen wir mit dem Privaten anfangen: Die Geburt meiner Kinder, die Unterstützung seitens meiner Eltern. Dann bin ich dem leider schon verstorbenen Leonard Grottenthaler und Claude Bevot sehr dankbar, die mich als jungen Spieler unterstützt haben, indem sie oft die 180 Kilometer einfache Fahrt nach Karlsruhe auf sich genommen haben, um mich beim Stützpunkttraining abzuliefern – und hinterher wieder zurück in die Heimat zu bringen. Als Spieler: Eindeutig die UEFA-Cup-Teilnahme. Ich bin als relativ unbekannter Spieler nach Bochum gekommen und wir hatten eine Bombentruppe. Wir haben auf dem Platz harmoniert und auch außerhalb. Man hat sich untereinander schön die Meinung gesagt, aber jeder ist für den anderen marschiert. Wir sind direkt aus der Zweiten Liga in den UEFA-Cup durchgerauscht, das waren zwei traumhafte Jahre. Für Bochum einmalig. Und dann die UEFA-Cup-Spiele selbst – das waren gigantische Erlebnisse! Schließlich als Trainer: Ich habe hier als Nachwuchscoach angefangen, bin dann nach Wolfsburg gewechselt, um mich dort weiterzubilden. Ich kam ohne große Vorschusslorbeeren in einen Verein, der hohe Ambitionen hat. So musste ich also meine Philosophie passend zum Verein durchsetzen. Mit der U19 von Wolfsburg haben wir etwas Einzigartiges geschafft: eine Saison ohne Niederlage in der regulären Saison. Das gab es davor und danach nicht mehr. Die anschließenden Spiele um die Deutsche Meisterschaft waren auch etwas Besonderes. Dass wir mitgeholfen haben, junge Spieler in den Profikader zu befördern, was bei einem international ausgerichteten Club wie Wolfsburg wesentlich schwerer ist als anderswo, gehört auch zu den Momenten, die man als Trainer schätzt. Ansonsten hoffe ich, dass mein tollster Moment als Trainer noch kommt. Möglichst beim und mit dem VfL.

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    Zuletzt bearbeitet: 27. Oktober 2020
  2. Herr Bert

    Herr Bert Administrator

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    Wie bewerten Sie den Trainerlehrgang in seiner Qualität?
    Thomas Reis:
    Die Ausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akademie genießt zurecht einen hervorragenden Ruf. Wenn man sich anschaut, wer alles in den vergangenen 20 Jahren hier seinen Abschluss gemacht hat: Mit Joachim Löw ein Weltmeister-Trainer sowie in Jürgen Klopp und Hansi Flick die Coaches der Champions-League-Sieger der letzten beiden Jahre. Zudem standen im diesjährigen Champions-League-Halbfinale gleich drei von vier Trainern, die an der DFB-Akademie ausgebildet wurden. Viel mehr Qualitätsnachweis geht kaum.

    Wodurch haben Sie am meisten für das Amt gelernt?
    Thomas Reis:
    Durch meine erste Tätigkeit beim VfL Bochum. Ich habe die U13 gecoacht. Und ich habe dort Dinge gemacht, die mir hinterher schön auf die Füße gefallen sind. (lacht) Dadurch lernt man am meisten. Ich habe zum Beispiel meiner Mannschaft vorher zugesichert, dass jeder die gleiche Einsatzzeit bekäme. In der U13 gab es den Reviercup, keinen richtigen Punktspielbetrieb. Die Spiele machtest du mit den U13-Coaches der anderen Mannschaften aus. Aber auch in einer U13 gibt es Qualitätsunterschiede – und wenn man dann gegen die Top-Teams gespielt hat, war es einfach so, dass man den einen oder anderen einfach nicht spielen lassen konnte. Das wurde mir dann vorgeworfen, die Abmeldung eines Spielers inklusive. Da habe ich gelernt: Selbst in einem scheinbar harmlosen Bereich wie der U13 muss man sehr, sehr vorsichtig sein. Und es hat mir gezeigt: Direkt aus dem Fußball ins Profi-Trainergeschäft einzusteigen, ist oft nicht zielführend. Man muss lernen, Inhalte zu vermitteln. Detailarbeit ist gefragt und wichtig.

    Was für Soft Skills braucht es Ihrer Meinung nach für das Traineramt?
    Thomas Reis:
    Teamfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit sind natürlich zwei elementare Bausteine. Da Fußballmannschaften sehr heterogene Gebilde sind, was die Zusammensetzung angeht, hilft auch interkulturelle Kompetenz. Disziplin ist wesentlich, ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein hilfreich. Zudem muss man stressresistent sein und auch mit Kritik umgehen können. Was einfacher ist, wenn sie sachlich vorgetragen wird. Mit blindwütiger Polemik hingegen habe ich so meine Probleme.

    Wo fühlen Sie sich beheimatet?
    Thomas Reis:
    In meiner alten Heimat Wertheim schaue ich noch regelmäßig vorbei, aber Bochum ist schon seit langer Zeit mein Lebensmittelpunkt. Meine Töchter sind hier geboren und aufgewachsen, die Stadt bedeutet mir viel. Ich habe fast mein halbes Leben hier verbracht, meine zweite Frau hier kennen gelernt und ich weiß, was es bedeutet, beim größten Verein der Stadt zu arbeiten.

    Wie viel entscheidet die Familie bei dem Arbeitsort mit?
    Thomas Reis:
    Als ich Profi war, wusste meine erste Frau, worauf sie sich eingelassen hat. Der Job als Spieler war im Grunde genommen angenehmer, wenn man die Vertragslaufzeiten erfüllt hat. Als Trainer kann das Engagement ja durchaus vorzeitig beendet werden. Wobei das in beide Richtungen zu sehen ist. Wenn es nicht rund läuft, wirst du beurlaubt. Wenn es rund läuft, kommen eventuell Vereine aus einer anderen Liga auf einen zu. Meine jetzige Frau weiß, worauf sie sich eingelassen hat. Sie ist selber fußballverrückt und würde wohl überall mit mir hingehen. Aber daran verschwende ich derzeit keinen Gedanken, denn ich habe schon vor, hier länger sesshaft zu sein.

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    Zuletzt bearbeitet: 27. Oktober 2020
  3. Herr Bert

    Herr Bert Administrator

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    Zu welchen Spielern aus Ihrer Spielerzeit haben Sie heute noch Kontakt?
    Thomas Reis:
    Sebastian Schindzielorz sehe ich beinahe täglich, Dariusz Wosz und Peter Közle sind als Trainer der VfL-FUSSBALLSCHULE auch regelmäßig an der Castroper Straße anzutreffen. Thomas Ernst sehe ich ab und zu, weil sein Sohn Tjark ja auch inzwischen bei den Profis mittrainiert. Mit Axel Sundermann habe ich getippt, das ist allerdings ein wenig ruhiger geworden. Ganz selten auch noch mit Torsten Kracht oder Peter Peschel.

    Gibt es ein Trainervorbild?
    Thomas Reis:
    Große Sympathien hege ich für Jupp Heynckes, weil er sich in meinen Augen großartig verhalten hat, indem er sich auch um die verletzten Spieler kümmerte. Natürlich auch Klaus Toppmöller, der eine positiv verrückte Art hatte, dabei aber immer äußerst ehrlich mit seinen Spielern umgegangen ist. Etwas mitgenommen habe ich auch von Peter Neururer, der es rhetorisch und als Motivator sehr gut macht.

    Welchen Ihrer Trainer fanden Sie am besten?
    Thomas Reis:
    Schwierig, da einen hervorzuheben. Jugendtrainer geben einem genauso viel wie Profi-Coaches. Selbst die Trainer, mit denen man nicht klargekommen ist, haben einem ja was gegeben. Irgendwo hat jeder einen Ansatz gefunden, mich zu packen. Wichtig dabei ist Ehrlichkeit. Das versuche ich als Trainer immer rüberzubringen. Als Spieler war ich vielleicht zu direkt. Aber die Art passt zu mir. Von jedem Trainer konnte ich was mitnehmen, ob positiv oder negativ. Mit Klaus Toppmöller verbinde ich die schönsten Momente meiner Karriere. Ich hatte ihn schon bei Eintracht Frankfurt, habe aber dort als junger Spieler wenig gespielt. Dennoch hat er in mir wohl etwas gesehen und mich zum VfL geholt. So falsch war die Entscheidung dann ja wohl nicht…

    Man bekommt den Eindruck, als wenn der Mannschaft Zuschauer nicht gut tun würden. Disziplin und taktisches Verhalten sind nicht so vorhanden wie nach dem Re-Start. In keinem Spiel der letzten Saison, nachdem Re-Start, trat die Mannschaft so „vogelwild“ – ab der 80. Minute – wie beim Spiel gegen St. Pauli auf. Wie beurteilen Sie die Situation?
    Thomas Reis:
    Deutlich differenzierter. Ich weiß, dass man als Fan gerne zur Verdrängung neigt, erinnere aber daran, dass wir in Karlsruhe, im zweiten Spiel nach dem Re-Start, eine ähnlich turbulente Anfangsphase überstehen mussten wie in der Schlussphase gegen St. Pauli. Da konnten wir von Glück sagen, dass wir wieder einmal einen starken Manuel Riemann im Kasten hatten und dass die Karlsruher nur den Pfosten getroffen haben. Ich habe dann frühzeitig gewechselt – auch das wird mir ja gerne vorgeworfen, dass ich das zu spät machen würde – und unser Spiel wurde dahingehend besser, sodass wir noch im ersten Abschnitt zu Chancen kamen, das Spiel dann in der zweiten Halbzeit dominiert haben und hätten gewinnen müssen. Es war also nach dem Re-Start nicht alles so rosig, wie es eventuell im Nachhinein dargestellt wird. Und genauso wenig werden die „vogelwilden“ letzten zehn Minuten, wo wir übrigens in der Nachspielzeit noch drei richtig gute Möglichkeiten hatten, die Partie für uns zu uns zu entscheiden, die guten 80 Minuten des Pauli-Spiels überlagern. Wichtig ist, das alles richtig einzuordnen, die Dinge anzusprechen und es im nächsten Spiel besser zu machen. Was wir dann – erneut in Karlsruhe – ja auch getan haben. Wir sind dort geschlossen aufgetreten und haben sogar in Unterzahl den Sieg errungen. Den ersten dort seit einem Jahrzehnt.

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    Die Fragen wurden vom unserVfL.de Team zusammengestellt und formuliert. ® unserVfL.de,Thomas Reis und der VfL Bochum 1848 GmbH & Co. KGaA. Abdruck (auch auszugsweise ) bedarf der schriftlichen Genehmigung.
    Zuletzt bearbeitet: 27. Oktober 2020
  4. BomS

    BomS Administrator

    Sehr schönes Interview. Vielen Dank allen Beteiligten!
    Scheffkoch und Herr Bert gefällt das.
  5. Scheffkoch

    Scheffkoch unserVfL.de User

    TR spricht einige Wahrheiten gelassen aus. Vor allem haben wir einen Cheftrainer, der Wahlbochumer ist und ein besonderes Verhältnis zur Stadt und zum Verein hat. Das ist so selten wie kostbar.
    Jannek und Hoffi65 gefällt das.
  6. Hoffi65

    Hoffi65 unserVfL.de User

    Toll gemacht :smilie_op_014:

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