09-22-2026, 09:39 AM
Der VfL Bochum geht als Tabellenneunter in die Länderspielpause. Er gibt sich nach der ersten Saisonetappe optimistisch. Zu Recht? Ein Kommentar.
Schulterklopfer gab es einige in den Katakomben der Heinz-von-Heiden-Arena in Hannover. Spieler und Trainer des VfL Bochum nahmen die Glückwünsche teils ungläubig lächelnd, teils kopfschüttelnd, teils durchaus stolz und oft mit einer Mischung aus allem an. Die Bochumer hatten einen attraktiven Ball gespielt, die Partie über weite Strecken dominiert. Und doch verloren, weil sie hinten zweimal patzten und vorn zig Mal scheiterten.
Eine Niederlage, die Mut macht - oder Sorgen verschärft? Für beide Sichtweisen gibt es Argumente. Drei Wochen ist nun Pause, ehe es am Sonntag, 11. Oktober, gegen Arminia Bielefeld weitergeht. Eine Zwischenbilanz nach dem ersten Liga- und Pokalblock.
1) Die Kernziele: Heimspiel-Bilanz ganz schwach, im Pokal erfolgreich
Zehn Punkte plus x sollten es sein, Trainer Uwe Rösler nannte es ein „ambitioniertes“ Ziel. Das hat der VfL verfehlt. Vor allem, weil er aus den drei Heimspielen gegen Hertha BSC, VfL Osnabrück und Greuther Fürth nur einen Punkt holte, nur ein Tor erzielte. Mal verschluderte Bochum die erste Halbzeit, mal die Schlussphase – Konstanz über 90 Minuten gab es nie. Die Stimmung auf den Rängen war vom Hexenkessel Bochum weit entfernt, auch das: ein Rückschritt zur Vorsaison. Zweitliga-Mittelmaß ist nicht sexy.
Auswärts agierte Bochum deutlich stärker als 2025/26, siegte in Braunschweig, in Dresden, spielte in Hannover wie ein Heimteam auf. Er gewann das auch finanziell wichtige Pokalspiel in Fürth. Das Ziel, die 2. Runde im DFB-Pokal zu erreichen, ist erreicht. Es geht nun gegen Mainz 05.
2) Der Megaumbruch: Spielerische Entwicklung ist zu sehen
Knapp 40 Kaderbewegungen gab es im Sommer. Ein Umbruch, der Zeit benötigt, das betont Rösler Woche für Woche. Zu Recht. Einige Zugänge haben die Erwartungen mindestens erfüllt, wie Verteidiger Michael Steinwender. Andere haben noch deutlich Luft nach oben, wie Jarne Steuckers, der erst am letzten Transfertag kam.
Insgesamt ist der Kader stimmiger und ausgeglichener zusammengestellt als in der Vorsaison, wenn man die neue Ausrichtung berücksichtigt. Spielerische Fortschritte sind deutlich sichtbar. Bochum will mehr agieren statt zu reagieren, weniger lange Bälle schlagen, spielerische Lösungen von hinten heraus finden. Mit 51 Prozent Ballbesitz im Schnitt hat der VfL einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht (Vorsaison: 45 Prozent). Im letzten Drittel aber hapert es.
3) Die Defensive: Innenverteidiger sorgen für höheres Level beim VfL Bochum
Das Plus an fußballerischer Qualität liegt vor allem am neuen Innenverteidiger-Duo Steinwender und Karol Mets, das den VfL auf ein höheres Level gehievt hat. Zudem überzeugt Bochum in der Arbeit gegen den Ball nicht nur in der letzten Kette. Erst sechs Gegentore sind der zweitbeste Wert der Liga, was mittlerweile nicht nur an einem starken Torwart Timo Horn liegt.
4) Die Offensive: Hofmann ist beim VfL Bochum zu oft auf sich allein gestellt
Die Offensive ist das Sorgenkind, das war schon in der Vorbereitung zu sehen. Fünf Tore sind Liga-Minuswert, gemeinsam mit Schlusslicht Darmstadt. Philipp Hofmann, der bisher drei Pflichtspieltreffer vorzuweisen hat, enttäuscht nicht, ist aber zu oft auf sich allein gestellt. Die Flügel rücken nicht energisch genug in den Strafraum ein. Christian Rasmussen, Gerrit Holtmann und Jarne Steuckers, der womöglich zentral besser aufgehoben ist, sind von ihren Anlagen her mehr Vorbereiter als Abschluss-Spieler.
Was auch für die zentralen Mittelfeldspieler gilt. Zudem hat der VfL an Größe verloren. Zu viel hängt von Sechser/Achter Mats Pannewig ab, der noch nicht zu alter Form gefunden hat nach seiner langen Verletzungspause. Als Zehner versuchte es Rösler erst mit Berkan Taz, der kicken kann, aber sich an das Tempo der 2. Liga noch sichtbar gewöhnen muss. Dann setzte Rösler auf den technisch hochklassigen, weitgehend überzeugenden Koji Miyoshi. Beide haben viel Qualität am Ball – doch beide sind, trotz Miyoshis Doppelpack in Dresden, keine Strafraum-Spieler wie in der Vorsaison der wuchtige Francis Onyeka. Auch Achter Charlie Patino hat seine Stärken im Aufbau, nicht in der gefährlichen Zone. Für Daniel Hanslik hat der VfL noch keine passende Rolle gefunden.
Viel fußballerische Qualität – wenig Torgefahr. Das ist ein Manko, das der VfL zwingend beheben muss. In der Länderspielpause wird es Röslers Kernaufgabe sein, weiter daran zu arbeiten, dass Hofmann mehr Unterstützung bekommt und sowohl der Stoßstürmer als auch der Rest der Mannschaft mehr Gier und Überzeugung entwickeln, aus den ja vorhandenen Chancen – mit 100 Torschüssen liegt der VfL ligaweit auf Rang drei – deutlich mehr Kapital zu schlagen.
5) Die Ausfälle: Talent Meyer ist der Gewinner
Jean Manuel Mbom, Enis Cokaj, Oliver Olsen zählten zum Stamm, brachen nacheinander weg, zudem sind Sprinter Babis Drakas und Philipp Strompf längerfristig verletzt. Mit Mbom, der wohl in diesem Jahr nicht mehr zum Einsatz kommen kann, und Cokaj, der womöglich im Oktober wieder auf den Trainingsplatz zurückkehrt, fehlen beide Sechser. Vor allem der Ausfall von Mentalitätsmann Cokaj schmerzt.
Andererseits nutzte Talent Tom Meyer seine Chance. Der 18-Jährige ist der größte Gewinner des ersten Saisonabschnitts. Als Rechtsverteidiger holte der VfL Sean Klaiber, weil mit Olsen und Mbom beide Etablierte ausfallen. Klaiber macht seine Sache ordentlich, Konkurrenzkampf aber fehlt.
Fazit und Ausblick: Oberes Drittel ist ein realistisches Ziel
Die neu formierte Mannschaft des VfL zeigt sich als Einheit, die Mentalität stimmt. Eine gute Kabine, charakterstarke Typen, auch das war ein Ziel bei der Kaderplanung. Die Defensive ist stabil, die Offensive (noch) zu harmlos. Das Team hat sich trotz etlicher Rückschläge spielerisch deutlich weiterentwickelt. Der Prozess ist allerdings längst nicht beendet, zumal etliche Profis zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlichen Fitnesszuständen beim VfL landeten.
Die Spitzenteams Hertha BSC, Nürnberg, Heidenheim und der so langsam ins Rollen kommende Ligakrösus VfL Wolfsburg sind schon ein Stück weit enteilt, der Zug nach oben ist vorerst ohne Bochum abgefahren. Nach ganz unten indes beträgt der VfL-Vorsprung nur drei Punkte. Und die Gegner vor der nächsten Länderspielpause haben es in sich: Bielefeld, Kaiserslautern, Wolfsburg, Cottbus, Karlsruhe, dazu Mainz im Pokal.
Entscheidend wird sein, dass der VfL seinen attraktiven Matchplan weiter durchzieht und zudem deutlich effektiver wird. Dann kann er jeden Gegner schlagen – und ist die Ambition, im oberen Drittel zu landen, weiterhin absolut realistisch.
Quelle: WAZ.de
Schulterklopfer gab es einige in den Katakomben der Heinz-von-Heiden-Arena in Hannover. Spieler und Trainer des VfL Bochum nahmen die Glückwünsche teils ungläubig lächelnd, teils kopfschüttelnd, teils durchaus stolz und oft mit einer Mischung aus allem an. Die Bochumer hatten einen attraktiven Ball gespielt, die Partie über weite Strecken dominiert. Und doch verloren, weil sie hinten zweimal patzten und vorn zig Mal scheiterten.
Eine Niederlage, die Mut macht - oder Sorgen verschärft? Für beide Sichtweisen gibt es Argumente. Drei Wochen ist nun Pause, ehe es am Sonntag, 11. Oktober, gegen Arminia Bielefeld weitergeht. Eine Zwischenbilanz nach dem ersten Liga- und Pokalblock.
1) Die Kernziele: Heimspiel-Bilanz ganz schwach, im Pokal erfolgreich
Zehn Punkte plus x sollten es sein, Trainer Uwe Rösler nannte es ein „ambitioniertes“ Ziel. Das hat der VfL verfehlt. Vor allem, weil er aus den drei Heimspielen gegen Hertha BSC, VfL Osnabrück und Greuther Fürth nur einen Punkt holte, nur ein Tor erzielte. Mal verschluderte Bochum die erste Halbzeit, mal die Schlussphase – Konstanz über 90 Minuten gab es nie. Die Stimmung auf den Rängen war vom Hexenkessel Bochum weit entfernt, auch das: ein Rückschritt zur Vorsaison. Zweitliga-Mittelmaß ist nicht sexy.
Auswärts agierte Bochum deutlich stärker als 2025/26, siegte in Braunschweig, in Dresden, spielte in Hannover wie ein Heimteam auf. Er gewann das auch finanziell wichtige Pokalspiel in Fürth. Das Ziel, die 2. Runde im DFB-Pokal zu erreichen, ist erreicht. Es geht nun gegen Mainz 05.
2) Der Megaumbruch: Spielerische Entwicklung ist zu sehen
Knapp 40 Kaderbewegungen gab es im Sommer. Ein Umbruch, der Zeit benötigt, das betont Rösler Woche für Woche. Zu Recht. Einige Zugänge haben die Erwartungen mindestens erfüllt, wie Verteidiger Michael Steinwender. Andere haben noch deutlich Luft nach oben, wie Jarne Steuckers, der erst am letzten Transfertag kam.
Insgesamt ist der Kader stimmiger und ausgeglichener zusammengestellt als in der Vorsaison, wenn man die neue Ausrichtung berücksichtigt. Spielerische Fortschritte sind deutlich sichtbar. Bochum will mehr agieren statt zu reagieren, weniger lange Bälle schlagen, spielerische Lösungen von hinten heraus finden. Mit 51 Prozent Ballbesitz im Schnitt hat der VfL einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht (Vorsaison: 45 Prozent). Im letzten Drittel aber hapert es.
3) Die Defensive: Innenverteidiger sorgen für höheres Level beim VfL Bochum
Das Plus an fußballerischer Qualität liegt vor allem am neuen Innenverteidiger-Duo Steinwender und Karol Mets, das den VfL auf ein höheres Level gehievt hat. Zudem überzeugt Bochum in der Arbeit gegen den Ball nicht nur in der letzten Kette. Erst sechs Gegentore sind der zweitbeste Wert der Liga, was mittlerweile nicht nur an einem starken Torwart Timo Horn liegt.
4) Die Offensive: Hofmann ist beim VfL Bochum zu oft auf sich allein gestellt
Die Offensive ist das Sorgenkind, das war schon in der Vorbereitung zu sehen. Fünf Tore sind Liga-Minuswert, gemeinsam mit Schlusslicht Darmstadt. Philipp Hofmann, der bisher drei Pflichtspieltreffer vorzuweisen hat, enttäuscht nicht, ist aber zu oft auf sich allein gestellt. Die Flügel rücken nicht energisch genug in den Strafraum ein. Christian Rasmussen, Gerrit Holtmann und Jarne Steuckers, der womöglich zentral besser aufgehoben ist, sind von ihren Anlagen her mehr Vorbereiter als Abschluss-Spieler.
Was auch für die zentralen Mittelfeldspieler gilt. Zudem hat der VfL an Größe verloren. Zu viel hängt von Sechser/Achter Mats Pannewig ab, der noch nicht zu alter Form gefunden hat nach seiner langen Verletzungspause. Als Zehner versuchte es Rösler erst mit Berkan Taz, der kicken kann, aber sich an das Tempo der 2. Liga noch sichtbar gewöhnen muss. Dann setzte Rösler auf den technisch hochklassigen, weitgehend überzeugenden Koji Miyoshi. Beide haben viel Qualität am Ball – doch beide sind, trotz Miyoshis Doppelpack in Dresden, keine Strafraum-Spieler wie in der Vorsaison der wuchtige Francis Onyeka. Auch Achter Charlie Patino hat seine Stärken im Aufbau, nicht in der gefährlichen Zone. Für Daniel Hanslik hat der VfL noch keine passende Rolle gefunden.
Viel fußballerische Qualität – wenig Torgefahr. Das ist ein Manko, das der VfL zwingend beheben muss. In der Länderspielpause wird es Röslers Kernaufgabe sein, weiter daran zu arbeiten, dass Hofmann mehr Unterstützung bekommt und sowohl der Stoßstürmer als auch der Rest der Mannschaft mehr Gier und Überzeugung entwickeln, aus den ja vorhandenen Chancen – mit 100 Torschüssen liegt der VfL ligaweit auf Rang drei – deutlich mehr Kapital zu schlagen.
5) Die Ausfälle: Talent Meyer ist der Gewinner
Jean Manuel Mbom, Enis Cokaj, Oliver Olsen zählten zum Stamm, brachen nacheinander weg, zudem sind Sprinter Babis Drakas und Philipp Strompf längerfristig verletzt. Mit Mbom, der wohl in diesem Jahr nicht mehr zum Einsatz kommen kann, und Cokaj, der womöglich im Oktober wieder auf den Trainingsplatz zurückkehrt, fehlen beide Sechser. Vor allem der Ausfall von Mentalitätsmann Cokaj schmerzt.
Andererseits nutzte Talent Tom Meyer seine Chance. Der 18-Jährige ist der größte Gewinner des ersten Saisonabschnitts. Als Rechtsverteidiger holte der VfL Sean Klaiber, weil mit Olsen und Mbom beide Etablierte ausfallen. Klaiber macht seine Sache ordentlich, Konkurrenzkampf aber fehlt.
Fazit und Ausblick: Oberes Drittel ist ein realistisches Ziel
Die neu formierte Mannschaft des VfL zeigt sich als Einheit, die Mentalität stimmt. Eine gute Kabine, charakterstarke Typen, auch das war ein Ziel bei der Kaderplanung. Die Defensive ist stabil, die Offensive (noch) zu harmlos. Das Team hat sich trotz etlicher Rückschläge spielerisch deutlich weiterentwickelt. Der Prozess ist allerdings längst nicht beendet, zumal etliche Profis zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlichen Fitnesszuständen beim VfL landeten.
Die Spitzenteams Hertha BSC, Nürnberg, Heidenheim und der so langsam ins Rollen kommende Ligakrösus VfL Wolfsburg sind schon ein Stück weit enteilt, der Zug nach oben ist vorerst ohne Bochum abgefahren. Nach ganz unten indes beträgt der VfL-Vorsprung nur drei Punkte. Und die Gegner vor der nächsten Länderspielpause haben es in sich: Bielefeld, Kaiserslautern, Wolfsburg, Cottbus, Karlsruhe, dazu Mainz im Pokal.
Entscheidend wird sein, dass der VfL seinen attraktiven Matchplan weiter durchzieht und zudem deutlich effektiver wird. Dann kann er jeden Gegner schlagen – und ist die Ambition, im oberen Drittel zu landen, weiterhin absolut realistisch.
Quelle: WAZ.de
Tradition ist nicht die Aufbewahrung von Asche, sondern die Weitergabe des Feuers
" Der VfL kommt von der Castroper Strasse, und hier soll er auch bleiben."