06-01-2026, 07:15 AM
Auch für Fans des VfL Bochum war es eine turbulente Saison. Der Fanbeauftragte Dirk „Moppel“ Michalowski spricht über Baustellen, Lösungen, Grenzen.
Pyrotechnik, Innenministerkonferenz, Fanproteste, Polizei-Einsätze, Unzufriedenheit aufgrund der sportlichen Entwicklung, „Normalos“ gegen Ultras, verschärfte Strafenkataloge durch den DFB – diese Saison hielt eine Menge bereit, womit Fans und Mitarbeiter der Profivereine umgehen mussten. Das war auch beim VfL Bochum nicht anders. Entsprechend herausfordernd war die inzwischen abgelaufene Saison für die Abteilung Fanbelange des Vereins, die der langjährige Fanbeauftragte Dirk Michalowski leitet (Porträt: hier).
Grund genug, nach einer turbulenten Saison mit Moppel, wie ihn jeder nennt, ausführlich über die Saison 2025/2026 aus Sicht eines Fanbeauftragten zu sprechen und den Umgang mit Herausforderungen zu erörtern. Der „Leiter Stabsstelle Fan und Vereinskultur“, so der offizielle Titel des 55-Jährigen, sprach etwa über die Vorfälle rund um das letzte Heimspiel gegen Hannover 96, als ein Polizeieinsatz unter der Ostkurve kurzzeitig eskalierte. Zudem über Vermittlungen zwischen einzelnen Fanlagern, Pyrotechnik, den Umgang mit neuen Regularien und warum Fanarbeit unabhängig sein muss: Teil eins des XXL-Gesprächs mit Michalowski, der seit 2019 auch einer der drei Bundessprecher der Fanbeauftragten ist.
Moppel, die Saison hat der VfL sportlich auf Platz neun abgeschlossen. Wie hast du sie aus Sicht des Fanbeauftragten erlebt?
Dirk Michalowski: Das war eine sehr arbeitsreiche Saison mit vielen Aufs und Abs und noch mehr Diskussionen. Für uns war sie unterm Strich aufgrund der Vielzahl von Themen am Ende nicht zufriedenstellend, weil einige Probleme nicht mit dem Schlusspfiff gelöst werden konnten.
Was meinst du genau?
Wir hatten im Fanbereich sehr viele Baustellen. Das betrifft aber nicht nur den Standort Bochum, sondern alle Klubs in Deutschland. Die Innenministerkonferenzen, die immer größer werdende Dominanz der Polizei, die radikaler werdenden Fanszenen. Es gibt auf allen Seiten derzeit eine negative Entwicklung, die uns vor große Herausforderungen stellt. Durch die Tätigkeit als einer der Bundessprecher der Fanbeauftragten habe ich einen guten Einblick, wie es an anderen Standorten aussieht – da sind wir in Bochum keine Exoten. Wir wissen alle noch nicht, was genau auf uns zukommen wird. In vielen Fanszenen herrscht daher Unruhe und eine gewisse Dynamik, es gibt viele Diskussionen um diverse Themen. Wir versuchen als Fanbeauftragte zu lösen, was wir lösen können. Aber wir stoßen auch an unsere Grenzen. Daher bin auch ich nicht ganz glücklich.
Welche Probleme konnten denn gelöst werden?
Wir reden viel miteinander und der Austausch mit und innerhalb der gesamten Fanszene ist gut. Als Mitarbeiter des Vereins können wir die Stimmung der Kurve aber nicht beeinflussen, da sind die handelnden Personen selbst verantwortlich. Es ist wie in der Gesellschaft: Politikern gelingt es auch nicht, jedem Bürger konkret vorzuschreiben, wie er sich wann zu verhalten hat. Es bedarf vieler Gespräche. Dafür nutzen wir auch die Expertise der Mitglieder im Fangremium, das seit der letzten Wahl im März bewusst mit einem Fanvertreter mehr besetzt ist. Wir sind sehr stolz darauf, dass fast 400 Fans bei der Wahl anwesend waren. Auch haben wir viele Dinge in dieser Saison aufarbeiten können – alles aber, beispielsweise die Vorfälle beim Spiel gegen Hannover 96, noch nicht.
Konkret der Fall Hannover-Spiel, als es in der City zu Auseinandersetzungen zwischen 96- und VfL-Fans kam und die Polizei, auch während des Spiels im Stadionumlauf, massiv einschritt: Warum ist es so schwer, die Geschehnisse als Verein einzuordnen?
Die Lage ist einfach extrem komplex. Wir haben uns gut informiert und sind in den Austausch mit allen Beteiligten gegangen. Es ist wichtig, alle an einen Tisch zu bringen und auf Augenhöhe zu diskutieren. Es ist aber auch klar, dass dabei unterschiedliche Ansichten aufeinanderprallen.
Generell hatte man in dieser Saison das Gefühl, dass es viele Diskussionen und Vorfälle innerhalb der Fanszene gab. Vor allem scheint es ein Gegeneinander zwischen aktiven Fans und „Normalos“ zu geben.
Es wird nie gelingen, jeden Fan zufriedenzustellen. Wir werden auch weiterhin große Fahnen in der Kurve haben. Das ist ein Thema, bei dem gerade ältere Zuschauer unzufrieden sind. Wenn in Sitzplatzbereichen gestanden wird, sind ebenfalls Fans unzufrieden – ob bei Heim- oder Auswärtsspielen. Das sind gesellschaftliche Prozesse, die sich natürlich auch in die Fankurven verlagern. Wir können aber als Verein nicht einfach sagen, wir nehmen jetzt alle Fahnen aus dem Stadion oder sorgen dafür, dass jeder auf seinem Sitzplatz auch sitzenbleibt. Der Fußball lebt insbesondere im Stadion von Emotionen, und das hat ihn auch immer ausgemacht. Es braucht Kompromisse und eine gewisse Toleranz untereinander.
Apropos Sitzplätze, die als Stehplätze genutzt werden: Mehrfach soll es Beschwerden deshalb gegeben haben – etwa bei den Auswärtsspielen in Düsseldorf oder Bielefeld.
Auch da müssen wir auf das Verständnis und das Miteinander innerhalb der Fanszene hoffen. Wenn sich jemand ein Sitzplatzticket für 40 Euro kauft und den erworbenen Sitzplatz auch nutzen möchte, dann muss das möglich sein. Genauso sage ich aber auch, dass derjenige sich nicht im Kino oder im Theater befindet, sondern beim Fußball. Ich muss damit rechnen, dass Personen im Stadion stehen. Ich fordere immer wieder von allen Beteiligten ein, sich an einen Tisch zu setzen. Ältere Fans und Fanklubs sollten dabei genauso respektiert werden, wie man jungen, innovativen Fans und Fankulturen entgegenkommen sollte. Nicht alles, was früher gut war, ist es heute auch noch, und nicht alles Neue ist zwingend gut. Die Fankurven verändern sich genauso wie die Gesellschaft. Wenn jeder auf seinem Standpunkt stehen bleibt, wird man diese Konflikte leider nicht lösen können. Es benötigt zwingend das gemeinsame Verständnis.
Bist du dabei Vermittler?
Auch – zum Beispiel gemeinsam mit dem Fangremium, das sich zehnmal im Jahr trifft. Darüber hinaus gibt es weitere Gesprächsrunden, die auch kurzfristig einberufen werden. In der vergangenen Saison hatten wir 16 (!) Fandialoge. Damit gehören wir auch im bundesweiten Vergleich sicherlich zu den Top 5.
Hast du den Eindruck, dass sich die Positionen der Ultras und die der „normalen“ Fans dennoch immer weiter voneinander entfernen?
Gespräche innerhalb der Fanszene finden ständig statt. So hat sich beispielsweise beim Einsatz von Fahnen während der Spiele aus meiner Sicht schon etwas zum Positiven verändert. Prinzipiell haben wir in Bochum eine gewachsene Fanstruktur durch Fanklubs, das Ruhrstadion ist klein und eng. Wenn sich dann Ultra-Kultur ausweitet, gibt es mehr Konflikte als an anderen Standorten. In Dortmund, Stuttgart oder Frankfurt gibt es mehr Ausweichmöglichkeiten für alteingesessene Fanklubs oder Freundesgruppen, die nicht mitten im Stimmungskern sein wollen. In der Ostkurve ist der Platz begrenzt. Als Fanbeauftragte versuchen wir, dass jeder zufrieden bei uns ins Stadion geht. Innerhalb des Fangremiums sind wir dabei, den Dialog noch weiter auszubauen.
Worin siehst du für deine Abteilung die größten Herausforderungen?
Wir müssen die Ultrakultur und die normale Fankultur irgendwie zusammenkriegen. Das ist leider nicht so leicht, wie es klingt, weil es viele Konfliktthemen gibt: Pyrotechnik, Platzansprüche, Fahneneinsatz und andere Dinge. Hinzu kommen die Probleme außerhalb der Stadien. Darauf haben wir als Verein aber nur begrenzt Einfluss. Deshalb gehen wir mit der einen oder anderen Baustelle aus der Saison heraus und müssen nach ein wenig Pause die Arbeit wieder zeitig aufnehmen.
Gerade beim Thema Pyrotechnik scheiden sich die Geister.
Es ist verboten, das ist die Grundlage. Dennoch sieht es im Auge mancher Betrachter gut aus. Es werde auch für Vermarktungszwecke genutzt, sagen manche. Andere wiederum stören sich an den hohen Strafen. In dieser Saison wird der VfL Bochum am Ende zwischen 250.000 und 300.000 Euro gezahlt haben – so viel wie noch nie. Da sagen Fans zurecht, dass man das Geld auch in einen Spieler hätte investieren können. Auch dieses Problem gibt es aber nicht nur in Bochum. Wie sollen wir das Einbringen von Pyrotechnik verhindern, wenn selbst in den modernsten Arenen die Bengalos brennen? Es ist nicht komplett zu verhindern, das sieht man Woche für Woche in ganz Europa oder gerade beim DFB-Pokalfinale in Berlin.
Gerade beim Thema Strafen spielt der DFB eine große Rolle. Kürzlich wurde der Strafenkatalog heimlich angepasst und die Strafen können noch deutlich höher ausfallen. Ist das der richtige Weg?
Es trägt nicht unbedingt dazu bei, dass man einen Konsens findet. Der Austausch mit meinen Kollegen auf Bundesebene ist vorhanden – das betrifft aber auch viele Themen. Zum Beispiel die zentrale Stadionverbotskommission, in der Fanbeauftragte zukünftig ein aktives Stimmrecht haben – das ist aus meiner Sicht eine Katastrophe.
Warum?
Ein Fanbeauftragter sollte niemals über ein Stadionverbot abstimmen. Bislang waren wir meist beratend tätig, konnten zu einzelnen Personen Stellung beziehen. Bei uns in Bochum wurde die Stadionverbotskommission bewusst mit unabhängigen Mitgliedern besetzt und wird daher auch von den Verbänden als Vorzeigemodell angesehen. Wenn wir als Fanbeauftragte nun als verlängerter Arm der Sicherheitsapparate gesehen werden, tut dies unserem Berufsstand nicht gut. Es fördert eine Entfremdung in der Kurve, weil der Fan gar nicht mehr einschätzen kann, auf welcher Seite wir überhaupt stehen.
Wie meinst du das?
Wenn ich gefragt werde, auf welchem Stuhl ich sitze, dann sage ich immer mehrheitlich auf dem des VfL Bochum, aber ich darf und muss auch kritische Anmerkungen geben dürfen. Wenn ich mit der Geschäftsführung, dem Präsidium oder dem Aufsichtsrat spreche, sollte ich als Fanbeauftragter immer das kommunizieren dürfen, was Fans denken und bewegt. Sicherlich ist das auch nicht immer meine persönliche Meinung, aber es ist die Meinung der Fans und die muss ich in meiner Funktion auch mitteilen. Sonst verlieren wir irgendwann unsere Glaubwürdigkeit und Akzeptanz
Von ähnlichen Problemen berichten Mitarbeiter von Fanprojekten, nachdem Mitarbeiter in Karlsruhe kürzlich verurteilt wurden, weil sie nicht gegen Mitglieder der Fanszene aussagen wollten.
Die Fanarbeit wurde dadurch geschwächt. Das ist keine gute Entwicklung. Fanarbeit muss unabhängig sein und bleiben. Dafür braucht es Vertrauen.
Gibt es auch positive Aspekte der zentralen Stadionverbotskommission?
Als Verein kann man nun eventuell intervenieren, wenn zu Unrecht Kollektivstrafen ausgesprochen werden an einzelnen Standorten. Das ist zumindest ein Vorteil. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass lokale Stadionverbotskommissionen effektiver und nachhaltiger sind. Grundsätzlich glaube ich, dass Fans ebenso wie die Fanarbeit Freiräume brauchen. Als Fanbeauftragter sollte man authentisch und glaubwürdig sein, präsent und kommunikativ.
Befürchtest du, dass die Arbeit für euch noch schwieriger wird?
Ich befürchte zumindest, dass es gerade nicht besser wird. Der Peak ist noch nicht erreicht, das gilt deutschlandweit. Momentan habe ich den Eindruck, dass es sich immer weiter hochschaukelt. Fanszenen stecken genauso wenig zurück wie Polizei und Politik. Das merkt man an vielen Standorten. Alle Beteiligten müssen sich hinterfragen. Aus meiner Sicht sind wir an einem Punkt, an dem alle auf die Bremse treten müssen. Sonst droht es weiter zu eskalieren.
Sind in Deutschland Einschränkungen wie einst in Polen und Italien vorstellbar, wo Fanszenen nicht mehr auswärts anreisen und nur noch mit sogenannten Fankarten, auf denen alle Daten gespeichert waren, überhaupt Eintrittskarten kaufen durften?
Ich hoffe, dass es nicht passiert. Wir haben in Deutschland ein hohes Fankulturgut, was es zu schützen gilt. Die Diskussion um personalisierte Tickets ist dabei eine Scheindiskussion. Beim Kauf gibt ohnehin jeder seine Daten ab. Bei Sitzplätzen könnte man vielleicht noch zuordnen, wer wo sitzt. Aber sollen wir die Stehplätze abschaffen, die unsere Fußballkultur ausmachen? Dann nehmen wir uns in Fußball-Deutschland unsere größte Qualität. Nicht umsonst kommen auch nach Bochum vermehrt Fans aus den Niederlanden, Irland oder England, weil sie hier die Fan- und Stehplatzkultur genießen. Die Fankultur in Deutschland ist einzigartig, die müssen wir schützen, damit heben wir uns ab in Europa. Wir müssen sie fördern und dafür müssen wir kämpfen. Daher erwarte ich auch von den Fanszenen, dass sie erkennen, welche Verantwortung sie für diese Kultur tragen. Radikalisierung wird am Ende verlieren.
Quelle: WAZ.de
Pyrotechnik, Innenministerkonferenz, Fanproteste, Polizei-Einsätze, Unzufriedenheit aufgrund der sportlichen Entwicklung, „Normalos“ gegen Ultras, verschärfte Strafenkataloge durch den DFB – diese Saison hielt eine Menge bereit, womit Fans und Mitarbeiter der Profivereine umgehen mussten. Das war auch beim VfL Bochum nicht anders. Entsprechend herausfordernd war die inzwischen abgelaufene Saison für die Abteilung Fanbelange des Vereins, die der langjährige Fanbeauftragte Dirk Michalowski leitet (Porträt: hier).
Grund genug, nach einer turbulenten Saison mit Moppel, wie ihn jeder nennt, ausführlich über die Saison 2025/2026 aus Sicht eines Fanbeauftragten zu sprechen und den Umgang mit Herausforderungen zu erörtern. Der „Leiter Stabsstelle Fan und Vereinskultur“, so der offizielle Titel des 55-Jährigen, sprach etwa über die Vorfälle rund um das letzte Heimspiel gegen Hannover 96, als ein Polizeieinsatz unter der Ostkurve kurzzeitig eskalierte. Zudem über Vermittlungen zwischen einzelnen Fanlagern, Pyrotechnik, den Umgang mit neuen Regularien und warum Fanarbeit unabhängig sein muss: Teil eins des XXL-Gesprächs mit Michalowski, der seit 2019 auch einer der drei Bundessprecher der Fanbeauftragten ist.
Moppel, die Saison hat der VfL sportlich auf Platz neun abgeschlossen. Wie hast du sie aus Sicht des Fanbeauftragten erlebt?
Dirk Michalowski: Das war eine sehr arbeitsreiche Saison mit vielen Aufs und Abs und noch mehr Diskussionen. Für uns war sie unterm Strich aufgrund der Vielzahl von Themen am Ende nicht zufriedenstellend, weil einige Probleme nicht mit dem Schlusspfiff gelöst werden konnten.
Was meinst du genau?
Wir hatten im Fanbereich sehr viele Baustellen. Das betrifft aber nicht nur den Standort Bochum, sondern alle Klubs in Deutschland. Die Innenministerkonferenzen, die immer größer werdende Dominanz der Polizei, die radikaler werdenden Fanszenen. Es gibt auf allen Seiten derzeit eine negative Entwicklung, die uns vor große Herausforderungen stellt. Durch die Tätigkeit als einer der Bundessprecher der Fanbeauftragten habe ich einen guten Einblick, wie es an anderen Standorten aussieht – da sind wir in Bochum keine Exoten. Wir wissen alle noch nicht, was genau auf uns zukommen wird. In vielen Fanszenen herrscht daher Unruhe und eine gewisse Dynamik, es gibt viele Diskussionen um diverse Themen. Wir versuchen als Fanbeauftragte zu lösen, was wir lösen können. Aber wir stoßen auch an unsere Grenzen. Daher bin auch ich nicht ganz glücklich.
Welche Probleme konnten denn gelöst werden?
Wir reden viel miteinander und der Austausch mit und innerhalb der gesamten Fanszene ist gut. Als Mitarbeiter des Vereins können wir die Stimmung der Kurve aber nicht beeinflussen, da sind die handelnden Personen selbst verantwortlich. Es ist wie in der Gesellschaft: Politikern gelingt es auch nicht, jedem Bürger konkret vorzuschreiben, wie er sich wann zu verhalten hat. Es bedarf vieler Gespräche. Dafür nutzen wir auch die Expertise der Mitglieder im Fangremium, das seit der letzten Wahl im März bewusst mit einem Fanvertreter mehr besetzt ist. Wir sind sehr stolz darauf, dass fast 400 Fans bei der Wahl anwesend waren. Auch haben wir viele Dinge in dieser Saison aufarbeiten können – alles aber, beispielsweise die Vorfälle beim Spiel gegen Hannover 96, noch nicht.
Konkret der Fall Hannover-Spiel, als es in der City zu Auseinandersetzungen zwischen 96- und VfL-Fans kam und die Polizei, auch während des Spiels im Stadionumlauf, massiv einschritt: Warum ist es so schwer, die Geschehnisse als Verein einzuordnen?
Die Lage ist einfach extrem komplex. Wir haben uns gut informiert und sind in den Austausch mit allen Beteiligten gegangen. Es ist wichtig, alle an einen Tisch zu bringen und auf Augenhöhe zu diskutieren. Es ist aber auch klar, dass dabei unterschiedliche Ansichten aufeinanderprallen.
Generell hatte man in dieser Saison das Gefühl, dass es viele Diskussionen und Vorfälle innerhalb der Fanszene gab. Vor allem scheint es ein Gegeneinander zwischen aktiven Fans und „Normalos“ zu geben.
Es wird nie gelingen, jeden Fan zufriedenzustellen. Wir werden auch weiterhin große Fahnen in der Kurve haben. Das ist ein Thema, bei dem gerade ältere Zuschauer unzufrieden sind. Wenn in Sitzplatzbereichen gestanden wird, sind ebenfalls Fans unzufrieden – ob bei Heim- oder Auswärtsspielen. Das sind gesellschaftliche Prozesse, die sich natürlich auch in die Fankurven verlagern. Wir können aber als Verein nicht einfach sagen, wir nehmen jetzt alle Fahnen aus dem Stadion oder sorgen dafür, dass jeder auf seinem Sitzplatz auch sitzenbleibt. Der Fußball lebt insbesondere im Stadion von Emotionen, und das hat ihn auch immer ausgemacht. Es braucht Kompromisse und eine gewisse Toleranz untereinander.
Apropos Sitzplätze, die als Stehplätze genutzt werden: Mehrfach soll es Beschwerden deshalb gegeben haben – etwa bei den Auswärtsspielen in Düsseldorf oder Bielefeld.
Auch da müssen wir auf das Verständnis und das Miteinander innerhalb der Fanszene hoffen. Wenn sich jemand ein Sitzplatzticket für 40 Euro kauft und den erworbenen Sitzplatz auch nutzen möchte, dann muss das möglich sein. Genauso sage ich aber auch, dass derjenige sich nicht im Kino oder im Theater befindet, sondern beim Fußball. Ich muss damit rechnen, dass Personen im Stadion stehen. Ich fordere immer wieder von allen Beteiligten ein, sich an einen Tisch zu setzen. Ältere Fans und Fanklubs sollten dabei genauso respektiert werden, wie man jungen, innovativen Fans und Fankulturen entgegenkommen sollte. Nicht alles, was früher gut war, ist es heute auch noch, und nicht alles Neue ist zwingend gut. Die Fankurven verändern sich genauso wie die Gesellschaft. Wenn jeder auf seinem Standpunkt stehen bleibt, wird man diese Konflikte leider nicht lösen können. Es benötigt zwingend das gemeinsame Verständnis.
Bist du dabei Vermittler?
Auch – zum Beispiel gemeinsam mit dem Fangremium, das sich zehnmal im Jahr trifft. Darüber hinaus gibt es weitere Gesprächsrunden, die auch kurzfristig einberufen werden. In der vergangenen Saison hatten wir 16 (!) Fandialoge. Damit gehören wir auch im bundesweiten Vergleich sicherlich zu den Top 5.
Hast du den Eindruck, dass sich die Positionen der Ultras und die der „normalen“ Fans dennoch immer weiter voneinander entfernen?
Gespräche innerhalb der Fanszene finden ständig statt. So hat sich beispielsweise beim Einsatz von Fahnen während der Spiele aus meiner Sicht schon etwas zum Positiven verändert. Prinzipiell haben wir in Bochum eine gewachsene Fanstruktur durch Fanklubs, das Ruhrstadion ist klein und eng. Wenn sich dann Ultra-Kultur ausweitet, gibt es mehr Konflikte als an anderen Standorten. In Dortmund, Stuttgart oder Frankfurt gibt es mehr Ausweichmöglichkeiten für alteingesessene Fanklubs oder Freundesgruppen, die nicht mitten im Stimmungskern sein wollen. In der Ostkurve ist der Platz begrenzt. Als Fanbeauftragte versuchen wir, dass jeder zufrieden bei uns ins Stadion geht. Innerhalb des Fangremiums sind wir dabei, den Dialog noch weiter auszubauen.
Worin siehst du für deine Abteilung die größten Herausforderungen?
Wir müssen die Ultrakultur und die normale Fankultur irgendwie zusammenkriegen. Das ist leider nicht so leicht, wie es klingt, weil es viele Konfliktthemen gibt: Pyrotechnik, Platzansprüche, Fahneneinsatz und andere Dinge. Hinzu kommen die Probleme außerhalb der Stadien. Darauf haben wir als Verein aber nur begrenzt Einfluss. Deshalb gehen wir mit der einen oder anderen Baustelle aus der Saison heraus und müssen nach ein wenig Pause die Arbeit wieder zeitig aufnehmen.
Gerade beim Thema Pyrotechnik scheiden sich die Geister.
Es ist verboten, das ist die Grundlage. Dennoch sieht es im Auge mancher Betrachter gut aus. Es werde auch für Vermarktungszwecke genutzt, sagen manche. Andere wiederum stören sich an den hohen Strafen. In dieser Saison wird der VfL Bochum am Ende zwischen 250.000 und 300.000 Euro gezahlt haben – so viel wie noch nie. Da sagen Fans zurecht, dass man das Geld auch in einen Spieler hätte investieren können. Auch dieses Problem gibt es aber nicht nur in Bochum. Wie sollen wir das Einbringen von Pyrotechnik verhindern, wenn selbst in den modernsten Arenen die Bengalos brennen? Es ist nicht komplett zu verhindern, das sieht man Woche für Woche in ganz Europa oder gerade beim DFB-Pokalfinale in Berlin.
Gerade beim Thema Strafen spielt der DFB eine große Rolle. Kürzlich wurde der Strafenkatalog heimlich angepasst und die Strafen können noch deutlich höher ausfallen. Ist das der richtige Weg?
Es trägt nicht unbedingt dazu bei, dass man einen Konsens findet. Der Austausch mit meinen Kollegen auf Bundesebene ist vorhanden – das betrifft aber auch viele Themen. Zum Beispiel die zentrale Stadionverbotskommission, in der Fanbeauftragte zukünftig ein aktives Stimmrecht haben – das ist aus meiner Sicht eine Katastrophe.
Warum?
Ein Fanbeauftragter sollte niemals über ein Stadionverbot abstimmen. Bislang waren wir meist beratend tätig, konnten zu einzelnen Personen Stellung beziehen. Bei uns in Bochum wurde die Stadionverbotskommission bewusst mit unabhängigen Mitgliedern besetzt und wird daher auch von den Verbänden als Vorzeigemodell angesehen. Wenn wir als Fanbeauftragte nun als verlängerter Arm der Sicherheitsapparate gesehen werden, tut dies unserem Berufsstand nicht gut. Es fördert eine Entfremdung in der Kurve, weil der Fan gar nicht mehr einschätzen kann, auf welcher Seite wir überhaupt stehen.
Wie meinst du das?
Wenn ich gefragt werde, auf welchem Stuhl ich sitze, dann sage ich immer mehrheitlich auf dem des VfL Bochum, aber ich darf und muss auch kritische Anmerkungen geben dürfen. Wenn ich mit der Geschäftsführung, dem Präsidium oder dem Aufsichtsrat spreche, sollte ich als Fanbeauftragter immer das kommunizieren dürfen, was Fans denken und bewegt. Sicherlich ist das auch nicht immer meine persönliche Meinung, aber es ist die Meinung der Fans und die muss ich in meiner Funktion auch mitteilen. Sonst verlieren wir irgendwann unsere Glaubwürdigkeit und Akzeptanz
Von ähnlichen Problemen berichten Mitarbeiter von Fanprojekten, nachdem Mitarbeiter in Karlsruhe kürzlich verurteilt wurden, weil sie nicht gegen Mitglieder der Fanszene aussagen wollten.
Die Fanarbeit wurde dadurch geschwächt. Das ist keine gute Entwicklung. Fanarbeit muss unabhängig sein und bleiben. Dafür braucht es Vertrauen.
Gibt es auch positive Aspekte der zentralen Stadionverbotskommission?
Als Verein kann man nun eventuell intervenieren, wenn zu Unrecht Kollektivstrafen ausgesprochen werden an einzelnen Standorten. Das ist zumindest ein Vorteil. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass lokale Stadionverbotskommissionen effektiver und nachhaltiger sind. Grundsätzlich glaube ich, dass Fans ebenso wie die Fanarbeit Freiräume brauchen. Als Fanbeauftragter sollte man authentisch und glaubwürdig sein, präsent und kommunikativ.
Befürchtest du, dass die Arbeit für euch noch schwieriger wird?
Ich befürchte zumindest, dass es gerade nicht besser wird. Der Peak ist noch nicht erreicht, das gilt deutschlandweit. Momentan habe ich den Eindruck, dass es sich immer weiter hochschaukelt. Fanszenen stecken genauso wenig zurück wie Polizei und Politik. Das merkt man an vielen Standorten. Alle Beteiligten müssen sich hinterfragen. Aus meiner Sicht sind wir an einem Punkt, an dem alle auf die Bremse treten müssen. Sonst droht es weiter zu eskalieren.
Sind in Deutschland Einschränkungen wie einst in Polen und Italien vorstellbar, wo Fanszenen nicht mehr auswärts anreisen und nur noch mit sogenannten Fankarten, auf denen alle Daten gespeichert waren, überhaupt Eintrittskarten kaufen durften?
Ich hoffe, dass es nicht passiert. Wir haben in Deutschland ein hohes Fankulturgut, was es zu schützen gilt. Die Diskussion um personalisierte Tickets ist dabei eine Scheindiskussion. Beim Kauf gibt ohnehin jeder seine Daten ab. Bei Sitzplätzen könnte man vielleicht noch zuordnen, wer wo sitzt. Aber sollen wir die Stehplätze abschaffen, die unsere Fußballkultur ausmachen? Dann nehmen wir uns in Fußball-Deutschland unsere größte Qualität. Nicht umsonst kommen auch nach Bochum vermehrt Fans aus den Niederlanden, Irland oder England, weil sie hier die Fan- und Stehplatzkultur genießen. Die Fankultur in Deutschland ist einzigartig, die müssen wir schützen, damit heben wir uns ab in Europa. Wir müssen sie fördern und dafür müssen wir kämpfen. Daher erwarte ich auch von den Fanszenen, dass sie erkennen, welche Verantwortung sie für diese Kultur tragen. Radikalisierung wird am Ende verlieren.
Quelle: WAZ.de
Tradition ist nicht die Aufbewahrung von Asche, sondern die Weitergabe des Feuers
" Der VfL kommt von der Castroper Strasse, und hier soll er auch bleiben."
